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Neues aus Kairo
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 15:57:17 Reply with quote
Yampa
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Berichte über den ägyptischen Alltag

von Benno Kolberg

berlinkairo@yahoo.de


Das Auto in Kairo

Ich weiß nicht, wieviele Tausend Autos es in Kairo gibt. Aber allein Taxis sind es schon Zigtausende, viele Peugeots, und UAOs (Unbekanntes-Auto-Objekt), Tausende Busse (Mercedes und Verwandte), Mini-Busse (Toyota u.ä.) und dann die überall herum-wimmelnden Micro-Busse. Und bei letzteren kann man seinen eigenen Standort im groben bestimmen. Sind es Eltramco (handmade in Egypt), Toyota und dergleichen, dann ist man in Kairo; wimmelt es aber in allen Straßen und Sträßchen von alten VW-Bussen, dann ist man in Gisa, also westlich des Nils. (Nur in Gisa gibt es die VW-Busse, weil die wohl eine eigene Auto-Herrschafts-Hoheit haben. Auch Privatautos sind entweder in Cairo oder in Gisa, je nach Wohnort des Halters, registriert). Die VW-Busse sind natürlich nicht mehr die jüngsten, stammen aber meistens schon aus der Zeit der Schiebetüren. Letztere fehlen jetzt meistens, was das Ein- und Aussteigen erleichtert. Ich gucke immer, ob ich vielleicht meinen alten Bus wieder entdecke, aber bis jetzt habe ich nur einmal einen gesehen, der noch eins dieser (seltenen) Dreh-Klapp-Fenster hatte. Ob er es war oder nicht? Nach so vielen Jahren und so vielen Umbauten hat sich viel verändert. Jedenfalls haben diese alten Veteranen hier noch einen beachtlichen Einkaufs- bzw. Verkaufspreis (ca. 35000 LE). Und sie müssen, wie ein alter Esel, auch den Lebensunterhalt des Betreibers sichern. Bis zu 10 Personen (plus Fahrer) quetschen sich in zwei Bankreihen und dem Vordersitz hinein (wobei man beachten muß, daß die Ägypter keine Leichtgewichte sind), und wenn alles besetzt ist, was meistens schon nach ein paar Minuten der Fall ist, geht´s ab. Holper di polter die ausgefransten Straßen entlang, durch Matsch und Müll (man sitzt ja im Trockenen), zwischen Menschen, Marktständen, anderen Fahrzeugen, Taxis, Bussen, Autos, Eselkarren usw., und wenn man aussteigen will, tut man es dem Fahrer kund. Die ganze Fahrt kostet 25-30 Piaster (ich will nicht in Euro umrechnen, denn das gibt ein falsches Bild, 1 kg Bananen kostet 2 LE (200 Pts.)) und ist 2-3 km weit. Diese Kleinstbusse pendeln zwischen Busknotenpunkten und anderen Knotenpunkten oder zur U-Bahn-Station. Sie sind sehr beliebt, weil billig, überall und fast jederzeit verfügbar. So manche deutsche Stadt könnte so etwas nachahmen. Das Problem ist nur, ob sich Leute fänden, die mit einem derartig kargen Lohn zufrieden wären, und ob der Staat oder die Gewerkschaft solche Initiativen genehmigen würden.

Mit dem eigenen Auto hier zu fahren, erscheint einem anfangs unmöglich. Aber ich habe es jahrelang getan, und fand es weniger aufregend, als daneben als Beifahrer zu sitzen. Nun muß man natürlich einige Verhaltensweisen kennen, um nicht selbst den ganzen Verkehr zu blockieren. Niemals eine kleine Lücke zum Vorder- oder Nebenmann lassen, sonst schiebt sofort jemand sein Vorderrad dort hinein, und man muß warten. Möglichst laut und anhaltend hupen, um jedermann wissen zu lassen, daß man weiterfahren möchte. Die anderen tun das auch. Niemals rückwärts fahren, um Platz zu schaffen, das wäre ein arger Prestigeverlust. Falls man keine arabischen Schimpfwörter kennt, tun es auch z. B. Blödmann, Schafskopf und dergleichen. Wenn ein Vordermann nach rechts ausschert, dann Vorsicht, nicht überholen, er will nach links abbiegen. Zugegeben, in der City, in Downtown, geht es zivilisiert zu. Ampeln an den wichtigsten Straßen-kreuzungen, deren Beachtung von zahlreichen Verkehrspolizisten durchgesetzt wird (Strafzettel, und nicht wenige), Einbahnstraßen, Verkehrsschilder (werden wenig beachtet, da sie keine Strafzettel schreiben können), Hupverbot, also alles ganz manierlich. Aber ein paar Straßen weiter, endet alles schlagartig. Wieder catch-as-catch-can, hupen, Gedrängel, jeder will der Erste sein und hat es furchtbar eilig, denn im Büro wartet schon der Tee.

Und nun auf dem Weg von der Faisal zu uns nach Hause, die knapp 400 m, kreuzt eine andere Straße die unsrige, und kurz vor unserem Haus eine weitere. Auch diese sind stark befahren, nicht immer, aber meistens. Und wir leben nicht in der City, und bei uns gibt es nicht ein Heer von Verkehrspolizisten, hier tobt sich die wahre Mentalität der hiesigen Autofahrer aus. Und so kommt es, daß ich meistens zu Fuß schneller zu Hause bin als Nur in ihrem Microbus. Der steckt meistens schon an der ersten Kreuzung mitten drin, umgeben in alle vier Richtungen von Dutzenden von Autos, dicht bei dicht, niemand kommt voran und niemand zurück, was ohnehin niemand täte. Und dann versucht jeder mit Hilfe seiner Hupe diesen Knoten zu entwirren. Für einen Fußgänger wie mich ist nur der Lärm störend, ansonsten ist es aber sehr angenehm, da ich niemals so gefahrlos und bequem die Straße und die Kreuzung überqueren kann. Denn irgendwo zwischen den stehenden Autos ist ein wenig Platz, um sich hindurch zu schlängeln. Man fragt sich, wie denn nun dieser Autoknoten aufgelöst wird. In jeder Straße stehen ca. 50 Autos, Blech an Blech. Alle Straßen sind blockiert. Antwort: Ich weiß es nicht. Denn abends gegen 10 Uhr gehe ich schlafen, da stehen sie noch, und am Morgen um 7 Uhr sind alle weg, die Straßen sind leer.

Benno Kolberg berlinkairo@yahoo.de

Wir wohnen in Gisa
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 16:00:24 Reply with quote
Yampa
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Wir wohnen in Gisa

Wir wohnen in einer Nebenstraße der Faisal-Straße in Gisa.

Gisa ist fast die Hälfte von Kairo, denn alles, was westlich des Nils liegt, ist Gisa, und was östlich des Nils liegt, das ist Kairo. Und da es vom Nil bis zum östlichen Randgebirge Mokattam (ca. 200 m hoch) ca. 10 km sind, und vom Nil bis zum westlichen Hochplateau, wo die Pyramiden stehen, ebenfalls ca. 10 km sind, haben beide Kairos, das eigentliche und Gisa, so ziemlich dieselbe Größe. Nicht ganz, denn unfairerweise hat sich das richtige Kairo noch das nördliche Heliopolis einverleibt, das auch eine Größe wie Berlin hat, das südlich gelegene Meadi aber nicht schlucken können, und so bemüht sich Gisa, auch die Größe Kairos zu erreichen. Bösartigerweise hat aber die Regierung, die ihren Sitz in Kairo hat, ein Gesetz erlassen, daß Fruchtland, also Land, das landwirtschaftlich genutzt werden kann, nicht bebaut werden darf. Nun liegt Gisa aber mitten im Fruchtland, und so kostet es die Bauherren viel Mühe und ...., trotzdem bauen zu können. Vielen gelingt es trotzdem nicht, weshalb man an der dritten Hauptstraße kilometerweit an fast fertigen, aber nicht genutzten Häusern entlang fahren kann. Anderen wiederum, wie unserem Bauherrn, ist es gelungen, schnell seine Wohnungen zu besetzen, und so kann das Haus - wieder irgendein Gesetz - nicht mehr abgerissen werden. Angeblich muß er dafür ein Jahr brummen. Wir haben die Wohnung, und um uns herum entstehen in den Lücken neue Häuser. Bei unserem Nachbarhaus wurden mal unter Teilnahme eines Dutzends Behördenmitglieder der oberste, 4. Stock, wieder abgerissen (weil illegal gebaut), aber inzwischen sind es 6 Stockwerke. Und nun stockt es wieder ein bißchen, mal sehen, wann es weiter geht.

In der Nähe des Nils liegt auf der Westseite Gisa, das alte Gisa. Dort ist auch der Gisa-Platz, wegen seines Busbahnhofs Hauptgewimmel der Gegend. Einmal geht es von dort aus natürlich in Richtung Kairo und nach Norden, Dokki, Agusa, Mohandessin, Imbaba und weiter, aber für uns wichtig ist die Westroute in Richtung Pyramiden. Bis vor 50 Jahren gab es nur die berühmte Pyramidenstraße. Sie führte noch, ca. 10 km lang, zwischen Ackerland, Nachtclubs, Palmen, und wieder Nachtclubs bis zum berühmten Mena-House-Hotel, unterhalb der Pyramiden. Die night-clubs gibt es immer noch, und noch viel mehr, und die Hotels auch, aber Ackerland und Palmen sind verschwunden, alles ist bebaut. Also wurde eine neue, ebenso breite Straße parallel dazu gebaut, die Malek-Faisal-Street. Inzwischen ist auch die, die ganzen 10 km rechts und links und die Zwischenräume zugebaut. Und so gibt es jetzt eine dritte Parallelstraße, aber etwas weiter zur Faisal, damit der Zwischenraum nicht ebenfalls nach 10 Jahren mit Häusern vollgestopft ist. Viel Platz ist nicht mehr, auch wir wohnen jetzt dort. Vielleicht 400 m von der Faisal entfernt. Ich laufe diese Strecke in knapp 10 Minuten, aber Nur ist sehr oft zu müde, das Stückchen zu gehen, und so benutzt sie dann einen der dort in jeder etwas größeren Straße hin- und herfahrenden Mikro-Busse (alte VW-Busse (ein eigenes Thema)), um das Stückchen zu fahren (kostet nur ein paar Piaster). Meistens stehe ich schon am Ziel und warte auf sie. Warum? Eigentlich müßte das in einer separaten Schilderung berichtet werden. Es betrifft das Verhalten ägyptischer Autofahrer, oder vielleicht allgemein die Mentalität der Leute.

Benno Kolberg berlinkairo@yahoo.de
Der Assuan-Staudamm
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 16:02:30 Reply with quote
Yampa
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Der Assuan-Staudamm

Staudämme im Nil gab es schon seit Mohamed Alis Zeit, also fast 200 Jahre. Diese Barragen hatten hauptsächlich die Aufgabe, das Nilwasser etwas zu stauen, um es in die benachbarten Kanäle zu leiten. Um 1900 entstand der erste Assuan-Damm, etwas (10 km) südlich von der Stadt Assuan, oberhalb des Katarakts (Stromschnellen). Er diente damals und immer noch dazu, die jährlichen Hochwasser aufzufangen und dadurch die Überschwemmungen im Niltal zu mildern. Wenn man Bilder sieht, auf denen vor den Pyramiden ein weites, überschwemmtes Land liegt, so weiß man, daß diese Aufnahme vor 1901 gemacht wurde. Jedoch stieg auch dann der Nil noch um einige Meter, und als 1964 zum letzten Mal dieses Hochwasser war, gab es unter den Brücken in Kairo kaum 20 cm Luft (sonst 3-4 m), und in den Kellern der Häuser (sofern vorhanden) stand das Wasser einen halben Meter hoch. In der Kanalisation stieg das Wasser und drückte die Deckel auf den Straßen hoch. Damit das Wasser nicht auf die Straße fließen sollte, wurden um diese Gullies kleine Mäuerchen errichtet, die dann später, als sie nicht mehr gebraucht wurden, so peu á peu von den Autos niedergeratscht wurden.

Nun ist allgemein seit Josef dem Wesir bekannt, daß es in Ägypten sieben fette und sieben magere Jahre gibt. Das heißt: Sieben Jahre viel Wasser und sieben Jahre wenig Wasser. Um nun auch das auszugleichen, gleichsam immer fette Jahre zu haben, war das Projekt Großer Damm (Sad-el-Ali) entstanden. 1952 gab es die Revolution unter Naguib und den Offizieren, wobei der König Farouk abgesetzt und bald danach Gamal Abd-el-Nasser als Präsident der neuen Republik ernannt/erwählt wurde. Die Umstellung ging nicht ganz reibungslos, aber recht blutlos, denn Landenteignungen, Suez-Kanal-Krieg (1956) und panarabische Pläne wirkten sich störend auf die Wirtschaft aus. Dann gibt es nur eins: Das Volk muß für ein großes Projekt begeistert werden, und die neue Regierung im Glanze dieses Projekts erstrahlen: Der Assuan-Damm, der Sad-el-Ali.

Die Weltbank, unter der Führung der USA, ließ sich für dieses Projekt nicht begeistern, denn Nassers arabischer Sozialismus und Panarabismus wirkten abschreckend. Die Sowjetunion, die in jener Zeit in Afrika Fuß fassen wollte, sah hier einen guten Einstieg, einen Brückenkopf, mit dem man auch Geschäftle mit Panzern und Flugzeugen machen konnte. Unter großem Propagandaaufwand startete dann Anfang der 60er Jahre die große Aktion. Millionen Tonnen Steine und Erde mußten bewegt werden, es mußte gesprengt und betoniert werden, und alles mit russischen Maschinen, Fahrzeugen und !! russischem Personal. Sogar die Traktorführer. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Ägypter war es nicht. Und umsonst war es auch nicht, denn auch unter Genossen und sozialistischen Brüdern weiß man, daß Arbeit seinen Preis hat. Keine Rubel, sondern Baumwolle, Zucker und dergleichen. 1964 war der riesige Damm mit seinem Betonkern und den hundert Meter dicken Stein- und Sandwänden soweit fertig, daß er geschlossen werden konnte. An der Seite war in den Felsen ein mächtiger Kanal zu den Turbinenhäusern entstanden, wo dann später die Wasserkraft genutzt werden sollte. Das Wasser stieg und stieg, nur allmählich, denn man konnte ja nicht das Niltal trocken legen. Dort, wo das Wasser stieg, lagen aber nicht nur die Dörfer der Nubier, sondern auch berühmte pharaonische Tempel. (Dieses Kapitel, Nubier und die Tempel, ist ein besonderes Kapitel). Seit einigen Jahrzehnten ist das über 200 km lange Becken (bis zur sudanesischen Grenze) vollgelaufen, ein riesiger See ist entstanden, der Nasser-See. Er hat auch das dortige Klima etwas verändert, es gibt manchmal (jetzt fast jedes Jahr, früher nur alle sieben Jahre) Regen. Es ist auch nicht mehr so trocken wie früher, als Assuan als Kurort für Rheumakranke bekannt war. Na, und natürlich setzt sich in diesem See auch der so viel gerühmte Nilschlamm ab. Und der kommt jetzt nicht mehr bis zur Küste des Mittelmeeres, so daß es dort durch die Strömung schon Erosionen gibt. Na, und .. und .. ; alles hat seine zwei Seiten. Um die positiven aufzuzählen: Keine verheerenden Überschwemmungen mehr, Wasserregulation das ganze Jahr über, so daß drei Ernten möglich geworden sind, Wasser für neue Agrarflächen im New-Valley und das neue Toschka-Projekt (riesige landwirtschaftliche Flächen in der Wüste in der Nähe des Damms), und natürlich elektrische Energie, die für die dortige Chemie-Industrie verwendet wird, aber auch Assuan und die Nachbarstädte versorgt.

Es ist schon ein imposanter Anblick, wenn man auf dem Damm steht und auf die weite Fläche des Sees schaut, rechts und links von der Wüste flankiert. Vielleicht wird auch an den Rändern bald etwas Grün entstehen, schöne Dum-Palmen und blühende Sträucher wachsen, und !! Krokodile (die sind aber mehr grau) werden wieder eine Attraktion werden. Es wurden schon wieder ein paar gesichtet.


Benno Kolberg

berlinkairo@yahoo.de
Die Hauptstadt AEgyptens
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 16:06:07 Reply with quote
Yampa
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Die Hauptstadt Ägyptens

Kairo war nicht immer die Hauptstadt Ägyptens. Gewiß seit den letzten 1000 Jahren, aber davor war es Babylon (das ägyptische), auch Alexandria, Heliopolis und davor ...; besser ist es, der Reihe nach aufzuzählen.

Um bei der letzen Eiszeit anzufangen, als es noch keine ägyptische Hauptstadt gab, damals hat sich die Nil-Niederung gebildet. Die große Wüste - damals wahrscheinlich keine Wüste (es gab Löwen, Giraffen usw.) - ist eine Kalkplatte, die vom Grabenbruch des Roten Meeres bis weit in den Westen, das heutige Libyen, reicht. Und in dieser Platte gab es einen Riß, durch den sich der Nil Jahrhundert für Jahrhundert immer tiefer eingrub und das Niltal schuf. Noch vor 6000 Jahren (also 4000 v.Chr.) war es meistens sumpfig oder ganz überschwemmt, so daß die damaligen Siedler ihre Ansiedlungen am Rande in den Wadis errichteten; Meadi, Heluan, Heliopolis usw. Jahr für Jahr überschwemmte der Nil das Tal und hinterließ ein paar Zentimeter Schlamm, fruchtbaren Schlamm. Aber im Lauf der Jahrhunderte wurden aus diesen Zentimeter einige Meter, und das Tal wurde weniger sumpfig, man konnte - mit einigen Schutzmaßnahmen gegen die Überschwemmungen - auch im Tal siedeln. So entstand vor ca. 5000 Jahren (3000 v.Chr.) die erste Hauptstadt, Memphis, etwas (20 km) südlich von Gisa auf der Westseite des Nils gelegen (sie hieß natürlich nicht so, sondern Kemet oder Stadt des Ptah; den Namen Memphis bekam sie viel, viel später von den Griechen). Und dort befinden sich am Rande in der Wüste die großen Nekropolen, Gräber abertausender einfacher Menschen, Minister und auch Pharaonen. Sakkara, Abu Sir, Gisa (Cheops, Chefren, Mykerinos). Memphis soll zu seiner Blütezeit fast 1 Million Einwohner gehabt haben, was vielleicht etwas übertrieben ist, da das ganze übrige Ägypten vielleicht nur 3 Millionen hatte. Welche europäische Stadt gab es damals und war 1000 Jahre lang Hauptstadt? Vor 3 1/2 Tausend Jahren (1500 v.Chr.) wurde dann Karnak, das heutige Luxor (auch das hieß nicht so, sondern Waset, und wurde viele, viele Jahre später von den Griechen Theben genannt, und dann erst wurde es El Uqsor), in Ober-Ägypten für viele Jahrhunderte die Hauptstadt Ägyptens. Auf der Ostseite des Nils gelegen, aber die Totenstadt war wieder im Westen, in den Tälern und Bergen am Rande der Wüste (z.B. das Grab des Tut-anch-Amun). Der Pharao Ramses verlegte seine Hauptstadt dann in das inzwischen auch besiedelbare Delta, also zwischen dem heutigen Kairo und der Mittelmeerküste, weil es ständig Kriege mit den östlichen Nachbarn gab. Beim Bau der neuen Residenz sollten auch die israelitischen Nomadenvölker (Josef und seine Brüder), die ein Gastrecht in den angrenzenden Weidegebieten hatten, mithelfen. Da es für Nomaden eine Beleidigung ist, arbeiten zu müssen (diese Einstellung hat sich bis heute erhalten), so zogen sie unter ihrem Anführer Moses bei Nacht und Nebel, mitnehmend alles, was nicht niet- und nagelfest war, ab in die Wüste des benachbarten Sinai. Und bald danach war es auch mit Ägyptens Herrlichkeit zu Ende. Erst fast tausend Jahre später gab es in Alexandria und Heliopolis (durch die Griechen Alexanders) so etwas wie eine Hauptstadt. Babylon, südlich von Kairo (heute: Old-Cairo) war dann römische Hauptstadt, in welcher Zeit sich auch die Heilige Familie dort aufhielt. Und wiederum brauchte es mehr als ein halbes Jahrtausend, bis die eindringenden Araber - mit dem Banner des Propheten - eine neue Hauptstadt gründeten: die Siegreiche (El Kahira). Offiziell wird Kairo um 1000 geboren, hatte also vor ein paar Jahren seinen 1000-jährigen Geburtstag. Aus den paar Tausend Einwohner wurden es dann im Mittelalter ein paar Hunderttausend, dann blieb es so eine Weile, bis um die Jahrhundertwende (1900) ein fortschrittlicher Emir (König) beschloß, zwischen dem alten Kairo, dem orientalischen aus 1001-Nacht, und dem Nil, der jetzt durch einen Staudamm gezähmt war, eine moderne Stadt, ein modernes Geschäftsviertel bauen zu lassen. Die Downtown entstand unter starker Mitwirkung italienischer und auch französischer Architekten. So ist sie auch heute noch, eine moderne Stadt mit den schönen, alten Häusern - wie in Genua, Mailand oder Paris - und breiten Straßen. Das neue Kairo wurde ausgelegt für eine Einwohnerzahl von 3 1/2 Millionen. Das war damals ferne Zukunft, - und heute ferne Vergangenheit. Denn bald nach dem Krieg waren die 3 1/2 Millionen, um 1960 die 5 Millionen, na und heute die 20 Millionen überschritten. Natürlich können die nicht alle zwischen den zwei Bergen, dem östlichen Mokattam-Gebirge und dem westlichen Wüsten-Höhenzug (ca. 20 km) wohnen, selbst nicht bei den vielen 10-, 12-, 14-stöckigen Häusern. Satellitenstädte entstanden und entstehen laufend: Katameya (20 km entfernt in der Wüste in Richtung Suez), der Mokattam oben einst mit wenigen vornehmen Villen am Rand bestanden, ist heute voller Wohnblocks, rings um den Flughafen im Norden Wohnblock neben Wohnblock, nach Süden bis Heluan (30 km südlich von Kairo) ein Haus neben dem anderen, normale Wohnblocks (5-6 Stockwerke), am Nil die Meadi-Towers (30-35 Stockwerke), und nach Westen (hinter uns und den Pyramiden) liegen 30 bis 40 km entfernt ganz neue Städte: 6.Oktober-Stadt, Sadat-City u.a. in der Wüste. Aber diese Städte werden Oasen, denn mit ihren Fabriken, Einkaufszentren und Anlagen (Bäume, Sträucher, Blumen) sind sie nicht die öden, kahlen Schlafstätten wie die anderen, in denen es keinen Baum und keinen Grashalm gibt; aber jede Menge Dreck und Müll. Hier lebt man in der Wüste ruhig und gesittet, mit frischer Luft, einigem Grün und versorgt mit allen zivilisatorischen Einrichtungen. Warum nicht dort wohnen?

Noch ist Platz für viele solcher Wüstenstädte, die Wüste ist groß (90 % Ägyptens sind Wüste). Aber alle Häuser brauchen Strom, Wasser usw., die Bewohner Nahrung. Ägypten kann sich schon seit Jahren nicht mehr selbst versorgen. Aber das ist ein anderes Kapitel.


Benno Kolberg berlinkairo@yahoo.de
Id-el-Adha (Grosser Bayram, Schlachtefest)
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 16:08:07 Reply with quote
Yampa
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Id-el-Adha (Großer Bayram, Schlachtefest)

Im Jahre 2004 fiel das Fest auf den 1. Februar und die nachfolgenden Tage. Im nächsten Jahr wird es um den 20.Januar sein, immer so ca. 10 Tage früher, weil sich die islamischen Feste nach dem Mond-Kalender richten, der gegenüber dem christlichen Sonnen-Kalender eben diese zehn Tage Differenz hat.

Daß ein großes Fest bevorstand, konnte man schon ein paar Wochen vorher an dem allgemeinen Mäh-mäh und etwas Meck-meck hören. Natürlich weiß jeder Moslem, daß 70 Tage nach dem Ende des Ramadans (25.11.2003) die große Zeit der Hadsch/Hag nach Mekka ist und dann das Große Fest folgt. Die vielen Mäh-mäh und auch die paar Meck-meck stehen in Gruppen von 20 bis 30 überall an Straßenkreuzungen, freien Plätzen und auch am Straßenrand, dürfen gut fressen und trinken, und ahnungslos bis zum Großen Fest den Gestank der Auto-Abgase genießen. Was ihnen bevorsteht, wissen sie ebenso wenig, wie wir treuen Staatsbürger es auch nicht wissen. Uns wird zwar auch das Fell über die Ohren gezogen, aber es geht doch nicht ganz so blutig zu. Nun ja, so ein Schaf kostet mindestens 500 LE, was nicht jedermann zur Verfügung hat, aber wie man an der großen Anzahl der Opfertiere sieht, anscheinend doch recht viele. Das arme Tier, bedauernswert?, oder vielleicht ist es auch stolz, an einem so feierlichen Tag zu einem so hohen Anlaß sein Leben hinzugeben, im Vergleich zu jenen, die in den Schlachthäusern per Automat dasselbe Schicksal haben. Jedenfalls wird es dann - wenn die Opferstätte so hoch ist - bis zum 5. Stockwerk oder noch höher gehievt (manche haben es schon seit Wochen auf dem Dach, dann muß es also runter), wo ihm im Badezimmer die Kehle durchgeschnitten (koscher geschlachtet) wird. Das Blut wird zum Teil aufgefangen (nicht verwertet), mit der Hand wird rein- und an der Wand rangetatscht. Und wer die Geschichte von Moses kennt, wie er vor seinem Auszug aus Ägypten seinen Leuten befahl, ein Lamm zu schlachten und das Blut an den Türpfosten zu schmieren, der wird sich wohl auch an die Geschichte von Abraham und Isaak (Ismail) erinnern, wie er seinen Sohn schlachten sollte, stattdessen es aber mit einem Lämmchen tat. Uralte Geschichte - uralte Tradition, im ganzen jüdisch-christlich-islamischen Raum. Das Schlachtefest und das Osterfest mit seinem Opferlamm Jesus.

Ich will nicht zu weit ins religiöse Detail gehen, sonst komme ich auf schlüpfrigen (das heißt: mir unbekannten) Boden. Jedenfalls im Bad und Umgebung ist es schlüpfrig vom Blut und den ausgeweideten Innereien, die übrigens ganz furchtbar stinken. Gegenmittel: Räucherwerk aller Art. Das Fell kriegt schließlich der eine, die Innereien (etwas rohe Leber ißt man selbst) der andere, das bißchen Fleisch wird auch hierhin und dorthin verteilt, denn Sinn und Zweck ist es ja, zu opfern; also behält man nur ein paar Kilo für sich (viele Kilos sind es ohnehin nicht).

Und am ersten Feiertag morgens früh um 7 Uhr: An Werktagen und besonders an anderen Feiertagen herrscht um diese Zeit noch himmlische Ruhe. Kaum ein Auto, kaum ein Mensch auf der Straße (um diese Jahreszeit geht um 7 Uhr die Sonne auf, auch noch verschlafen), es ist kalt, Büros öffnen frühestens um 9 Uhr, Geschäfte um 10 Uhr; und heute am ersten großen Feiertag: Man staunt nur. Da schon um 5 Uhr überall die Moscheen voll sind, sind um 7 Uhr, als wir nach Shoubra fahren wollen, die Straßen gestopft voll. Wo nicht die Straße von Betenden versperrt ist (die Moscheen und Gebetsstätten fassen die vielen Gläubigen nicht, weshalb die Straße mit Matten ausgelegt ist), da wimmelt es vor Leuten und ... große Gruppen von Leuten. Hinter ihnen im Haus- oder Ladeneingang, in einer Nische oder einfach am Straßenrand steht eine Kuh, dort noch eine, da hinten sogar drei, und so weiter die Straße entlang. Die mehr oder weniger reichen Ladenbesitzer opfern eine Kuh (eine mehr oder weniger magere), die vor ihrem Laden geschlachtet, ... usw. siehe oben beim Schaf. Das Blut versickert im Dreck der Straße, das Fleisch wird dann verteilt, und daher die vielen Leute. (Erinnert einen ein wenig an Geier, die um das Opfer herumhüpfen). Nun ja, nicht jeder hat das Geld für Fleisch, manchmal Tage oder gar Wochen nicht. Und wer etwas opfert, tut ein gutes Werk, - und wer etwas nimmt, wohl auch.

Für Leib und Seele ist gesorgt, alle tragen ihre neuen Kleider, besonders die Frauen und die Kinder, man besucht die Familie, ißt gut und viel, schwätzt mit jedermann, es ist halt Feiertag. Und den soll man genießen, INSHAHALLAH - SO GOTT WILL!

Benno Kolberg berlinkairo@yahoo.de
Geld ist nicht gleich Geld
PostPosted: Sat Jul 17, 2004 16:10:14 Reply with quote
Yampa
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Geld ist nicht gleich Geld

Jedermann weiß, daß sein Reisegeld in der Schweiz oder in Norwegen schneller dahin schmilzt, als in der Türkei oder Polen. Geld ist also nicht gleich Geld. Jeder weiß das aus eigener Erfahrung, und doch scheint dieses Wissen den Fernseh- und Radio-Redakteuren noch nicht zu Bewußtsein gekommen zu sein. Wie sonst könnten sie zum Beispiel sagen, daß ein indischer Arbeiter nur 100 Euro im Monat verdient. Doppelter Unfug, er verdient nicht Euro und seinen Verdienst kann man auch nicht unmittelbar mit einem europäischen Verdienst vergleichen. Es ist also nur primitive Verdummung oder Meinungsmache dieser Leute.

Den Schwachsinn sollte man gar nicht beachten, sondern einige Besonderheiten des Geldwertes betrachten.

1. Wie kommt es, daß in Deutschland eine Packung (19 Stck.) Zigaretten 3 Euro kostet, in Polen 1,5 Euro, in Ägypten (20 Stck.)(umgerechnet) 0.25 (einheimische) bzw. 1 Euro (ausländische) kostet? Viele Preise sind manipuliert, man kann sie nicht ohne weiteres vergleichen. Subventionen, Steuern, und zusätzliche Steuer, alles zusammen gibt ein falsches Bild.

2. Für 1 ? erhält man heute (Januar 2004) 7 1/2 LE (Ägyptisches Pfund). Das ist für den Reisenden ein sehr guter Umrechnungskurs, für den Importeur ägyptischer Waren ebenfalls, aber für den Einheimischen, den Ägypter, ziemlich uninteressant. Gewiß alle importierten Waren werden beachtlich teurer, aber im großen und ganzen bleibt alles beim Alten. 1 kg Orangen kostete vor einem Jahr 2 LE, und es kostet auch heute 2 LE. 10 kleine, weiße Brote kosteten (staatlich subventioniert) vor einem Jahr 1 LE, und sie kosten heute 1 LE. Die Inflationsrate verteuert alles - wie überall auf der Welt -, aber der Eurokurs ändert kaum etwas an den Lebenshaltungskosten.



Ganz abgesehen davon, gibt es hier Leute, die einen Mercedes (Kaufpreis 500.000 bis 1 Million LE) fahren, andere dagegen zu Fuß gehen oder einen Microbus für 30 Pts. benutzen. Für die einen, deren es recht viele gibt, sind 10 LE nichts, für andere, und das sind die meisten der 70 Millionen Ägypter, ist es ein Tageslohn. Beispiele von Einkünften der Mehrzahl der Ägypter (LE pro Monat):

Behördenangestellte 120-200 , verheiratete 300

Abteilungsleiter 500-1000

einfacher Fahrer 300-400

Ladenangestellter 300-400

Bankbeamter 500-1000

ungelernter Bauarbeiter 30-40 LE pro Tag (wenn er einen Job findet)

Neben vielen Arbeitslosen, die nur Gelegenheitsarbeiten haben, gibt es auch viele, die zwei oder drei Jobs haben. Sie gehen zum Beispiel morgens in ihr Büro, melden sich dort an, gehen dann für ein paar Stunden Taxifahren, zurück ins Büro abmelden, dann in irgendeinem Laden bis in den späten Abend Aushilfsarbeiten machen. Und so läppert sich dann einiges zusammen. Und wenn dann der Sohn, der Bruder, die Schwester, die alle zusammen wohnen, auch noch etwas dazu verdienen, so kann man sogar etwas sparen. Denn größtes Ziel aller ist, irgendwann zu heiraten, wozu man eine eigene Wohnung braucht. Diese kostet, je nach Gegend und Größe, zwischen 15.000 und 200.000 LE.

Die monatlichen Ausgaben betragen je nach Lage und Größe und Ansprüchen:

Miete (wenn noch preisgebunden) 10-30 LE / Monat

Miete 50-200 LE / Monat

Telefon 50 LE

Nahrungsmittel: 10 kleine, weiße Brote 1 LE

1 kg Zucker 2 LE

1 kg Bananen 2 LE

1 Napf Cucherie 2 LE (Reis-Nudel-Gericht, sättigend)

1 Grill-Hähnchen 12 LE

Es gibt wohl kaum jemand, der hungert, denn die Grundnahrungsmittel sind (weil größtenteils subventioniert) niedrig, und die Ansprüche nicht allzu groß. Ich meine auch, daß das Durchschnittsgewicht der Ägypter höher liegt als der (nicht gerade mageren) Deutschen. Jedenfalls habe ich im Microbus immer den Eindruck, daß ich zu den dünneren Fahrgästen zähle.



So der Stand im Jahre 2004. Aber wie es weiter geht, daran mag wohl niemand zu denken. Das LE ist vom Dollar abhängig, nicht mehr wie vor einem Jahr, als es direkt gekoppelt war, aber es ist jetzt ebenfalls sehr niedrig - wie nie zuvor. Und bei diesem niedrigen Kurs - besonders zum Euro - müßte der Export boomen, der Touristenstrom müßte anschwellen und der Import nutzloser Waren (allerlei Krimskram aus China) müßte zum Erliegen kommen. Man merkt nichts davon. Aber was soll Ägypten exportieren? Die Warenströme haben sich inzwischen zu anderen Ländern (China, Korea, Türkei usw.) verschoben (Zwiebeln kommen aus Südafrika, nicht aus Ägypten), der Tourismus geht weltweit zurück, und die Türkei, Tunesien und Mallorca sind billiger als Ägypten. Und was den Import betrifft, so scheint hier eine Open-door-Politik" (vielleicht von den US bestimmt) Einzug gehalten zu haben. Beim letzten Fest nach dem Ramadan wurden nicht, wie früher üblich, die einheimischen, schönen Laternen aus Messing verkauft, sondern billige Plastik-Lampen aus China.

Und die Bevölkerung wächst und wächst. Angeblich sind es schon 70 Millionen, und bald werden es 80 Millionen sein. Nahrung muß heute schon zu einem Drittel eingeführt werden, und nach 10 Jahren? Und womit wird man es bezahlen?


Benno Kolberg berlinkairo@yahoo.de
PostPosted: Sun Aug 15, 2004 8:48:40 Reply with quote
Ronk
Joined: 28 Jul 2004
Posts: 4




Sehr geehrter Herr Kolberg,

wie wird in gypten ber den Todes-Pilot Atta berichtet und geredet, ich meine die mehrheitliche Meinung.
Ist er fr die Mehrheit ein Held oder ein Verbrecher?
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